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Jahrgangs- und Marktbericht als PDF (517KB)
Vor einem Jahr noch himmelhoch jauchzend und nun zu Tode betrübt, so könnte man die Stimmung auf dem Weinmarkt – und vermutlich nicht nur auf dem Weinmarkt – zusammenfassen. Eine zurückhaltende Käuferschaft, ein Überangebot und abbröckelnde Preise kennzeichnen heute das Bild. Ich beschränke mich bei den folgenden Ausführungen auf das Segment gepflegter Weine aus Individualproduktionen. Sie bilden seit jeher die Basis unserer Geschäftstätigkeit. In diesem Bereich finden sich sowohl Gewächse zu sehr attraktiven Konditionen als auch die berühmten und unbestrittenen Leader in der oberen Preis-Skala. Diesem faszinierenden doppelten Anspruch von einerseits «gut und preiswert» und andererseits «rar und kostbar» stellen wir uns tagtäglich. Eine solch umfassende Tätigkeit verstehen wir unter kompetentem Handel mit Wein.
Auf die Tatsache, dass die Preise von Spitzenweinen konjunkturempfindlich sind, habe ich vor einem Jahr an dieser Stelle hingewiesen. Das ist eine Binsenwahrheit. Dennoch wird sie gegenwärtig immer wieder heruntergeleiert, als sei es eine brandheisse, neue Erkenntnis. Viele Weinfreunde und Weinfreundinnen hielten sich aufgrund der hohen Preise ohnehin von diesen teuren Gewächsen fern und werden sie auch nach einem Abschlag links liegen lassen. Ein derartiges Auf und Ab von Angebot und Nachfrage erlebte ich in den vergangenen 40 Jahren mehrmals. In der Wein-Wirtschaft gibt es keine unendliche Einbahnstrasse. Irgendwann kommt die Wende.
Dank einem börsenähnlichen Handel für Spitzengewächse mit entsprechenden preislichen Höhenflügen in den Jahren 2007 und 2008 sind diese nun auch etwas korrigiert worden. Dennoch: einen Absturz wie an den Finanzmärkten gab es beim Wein nicht. Der in London monatlich herausgegebene Liv-ex 100 Fine Wine Index, der den Wert der gesuchtesten Gewächse aus Europa berücksichtigt, lag im Januar 2004 bei 100 Punkten, erreichte seinen Höchststand im Juni 2008 mit 264 und sank bis März 2009 auf 207. Enthalten in diesem Index sind Weine mit besten Degustationsbewertungen von den einflussreichsten Weinkritikern (95 Punkte oder mehr), sie müssen zudem lieferbar sein (also keine noch nicht abgefüllten Jahrgänge). Als Massstab dient der Durchschnittspreis zwischen höchstem und niedrigstem Angebot auf den bedeutendsten Marktplätzen. Und schliesslich spielt die verfügbare Menge eine Rolle, Kleinstproduktionen sowie ältere Jahrgänge werden weniger stark gewichtet. Die roten Bordeaux bilden darin den Hauptanteil. Betrachtet man nun den Indexstand, so liegt die Wertsteigerung seit Beginn 2004 gegenwärtig immer noch bei über 100%, wenngleich seit Mitte 2008 ein Rückgang von 21,5% zu beobachten ist. Dabei ist festzuhalten, dass die Mehrheit der Anbieter in der Schweiz nicht zu den spekulativen, höchsten Preisen angeboten haben. Wer also zum richtigen Zeitpunkt gekauft hat, kann beruhigt sein, auch wenn hie und da Schnäppchen-Angebote auftauchen.
Dass nun aber – speziell im Zusammenhang mit Bordeaux 2008 – der Ruf nach Preissenkungen laut wird, ist verständlich und wird von den Weingutsbesitzern auch gehört. Erste Primeur-Angebote von berühmten Châteaux liegen bis zu 50% unter den Notierungen vom letzten Jahr.
Diesen Spielraum haben die «kleinen» Produzenten sowohl in Bordeaux als auch in anderen Weinregionen nicht. Sie sind preislich nie zu den gleichen Höhen aufgestiegen und deshalb von den steigenden Produktionskosten stärker betroffen. Bei ihnen will jede Investition gründlich überlegt sein, und sie müssen sie sich vom Mund absparen. Ausgaben wie beispielsweise für Handarbeit in den Reben, Spritzmittel, Glas, Korken und Carton fallen mehr ins Gewicht und bescheidene Aufschläge wären logischerweise angebracht, denn der Verkaufspreis liegt zuweilen gefährlich nahe beim Einstandspreis. Doch die Umstände erlauben das im Moment kaum. Um ihren hohen Qualitätsstandard aufrecht zu erhalten oder gar noch zu steigern, bleibt ihnen nur die vermehrte Anstrengung, der grössere persönliche Einsatz. Das ist letztlich eine paradoxe Situation. Wollen sich die Kleinen vom gesichtslosen Massenmarkt abheben, sind sie verpflichtet, qualitativ besser und besser zu werden, finanziell jedoch wird es für sie schwieriger und schwieriger.
Die Vermittlung solcher Weine ist das Feld und die Chance für das Fachgeschäft. Kürzlich titelte die NZZ: «In der Wirtschaftskrise sind die Discounter die Gewinner.» Das trifft zweifellos zu, wenn nur der Preis für einen Kauf entscheidend und die Qualität zweitrangig ist. Professor Thomas Rudolph von der Universität St. Gallen erwähnt in diesem Artikel eine Studie zum Schweizer Detailhandel, die aufzeigt, dass für Konsumenten in der Schweiz an erster Stelle die Qualität steht, an zweiter folgt der Service und an dritter der Preis. Und zur Rolle des Fachgeschäftes meint er: «Für Fachgeschäfte gibt es grosse Chancen. Aber sie haben in der Vergangenheit zum Teil Fehler gemacht. Sie haben zu oft versucht, wie die Discounter das Preisargument zu spielen. Das halte ich für falsch, denn man bezieht sich damit nicht auf die eigenen Stärken, sondern redet im Grunde nur über die Stärken der Discounter. Die Stärke der Fachgeschäfte liegt im Service, und zwar nicht nur beim Verkauf, sondern vor allem auch in der Phase nach dem Verkauf.» Diese Aufteilung des Weinmarktes zwischen Grossverteilern und Fachgeschäften ist seit geraumer Zeit schon vollzogen. Preislich haben die Grossen die Nase vorn. Das Fachgeschäft setzt dafür Massstäbe bezüglich personeller Konstanz und damit auch persönlichem Beratungs- und Lieferservice.
«Wo kaufen?», lautet demnach die Frage, und vor allem auch «was kaufen?» Ihr Budget gibt den Ausschlag. Eine Rolle spielt auch der Stellenwert, der dem Service beigemessen wird, und der einen höheren Preis zu relativieren vermag. Vergleichsweise einfach ist der Kauf von bekannten und hochklassigen Weinen, die – zumindest vordergründig – keine ausführlichen Erklärungen benötigen. Wesentlich anspruchsvoller gestaltet sich die Wahl bei den preiswerten Gewächsen. Hier steht Masse neben Klasse und das zu unterscheiden ist schwierig. Eine gediegene und ins Auge stechende Aufmachung erlaubt keinen Rückschluss auf die Qualität, ebenso wenig wie ein höherer oder niedrigerer Preis. Diese Unübersichtlichkeit war und ist weiterhin ein Merkmal des Weinmarktes. Wir beobachten sie seit Mitte der 80er-Jahre, als die Anzahl der Anbieter explosionsartig anwuchs und der Informationsgehalt sowie die Glaubwürdigkeit in der Weinwerbung parallel dazu abnahm.
Nehmen Sie mit uns Kontakt auf, wenn Sie eine Frage haben. Wir stehen Ihnen gerne mit Erfahrung und Kompetenz zur Verfügung.
Rolf Reichmuth
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