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Jahrgangs- und Marktbericht als PDF (248KB)
Banalisierung eines Kulturgutes Es ist noch nicht allzu lange her, als die Weinwelt noch in Ordnung war. Der Winzer pflegte seine Reben und machte seinen Wein, der Weinhändler prüfte und pries ihn an, und die Kunden erwarben und genossen ihn. Der Produzent arbeitete mit bescheideneren Mitteln, Wein war noch ein Naturprodukt und jahrgangsbedingte Schwankungen in der Qualität waren nicht nur normal, sondern wurden auch akzeptiert. Der Vertrieb war in den Händen von Fachleuten. Sie genossen die Aufmerksamkeit ihrer Kunden und dank kompetentem Verhalten auch ihr Vertrauen.
Im Rückblick empfinde ich solche Verhältnisse wie damals vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, beinahe als märchenhaft. Aber auch im Märchen muss für jede Belohnung zuerst eine Leistung erbracht werden. In unserem Fall waren es die seriöse Arbeit und originelle Angebotsformen. Wir waren Pioniere bei den Bordeaux- und Burgunder-Subskriptionsverkäufen in der Schweiz und führten schon 1969 den Cabernet-Anteilschein ein, eine Art Optionskauf für hochklassige Bordeauxgewächse. Dazu kam das Abonnement für Château Malescot-Saint-Exupéry, der Hausweineinkauf im Fass, die gepflegten und informativen Angebote ganz allgemein, die Rücknahme- und Umtauschgarantie sowie der Ersatz von Korkflaschen. Das Wichtigste dabei war uns, Kenntnis und Kultur zu vermitteln und bei unseren Kunden jene Leidenschaft zu wecken, die wir für guten und originalen Wein empfinden. Wir handelten – und tun es immer noch – nach dem Prinzip, wonach wir uns nur zu dem äussern, was wir wissen und selber erfahren haben. Damit fahren wir und unsere Kunden bis heute gut.
Zur Handelsware degradiertes Kulturgut
Das Vermitteln hochklassiger Gewächse ist in den letzten Jahren jedoch schwieriger geworden. Neue Anbieter sind in diesen Sektor vorgestossen, der früher eine Domäne des Fachhandels war. Um Marktanteile zu ergattern benutzen sie in erster Linie das Preisargument. Gedruckte Listen mit vernünftigen Preisen verkommen zur Makulatur, weil von Beginn weg ein Dauerrabatt gilt. Es stellt sich die Frage, ob bei diesen Anbietern überhaupt jemand zum regulären Preis einkauft.
Auf diese Weise degradieren solche Vermittler auch hochklassige Gewächse zur reinen Handelsware. Ihr Nimbus als Kulturgut wird aber dennoch konsequent herausgestrichen. Und um den Kunden vollends zu verwirren, werden die gleichen, hochtrabenden Worte auch für das Anpreisen profilloser Massenprodukte gebraucht. So war in einem Inserat für unbekannte Bordeauxweine des Jahrgangs 2005 kürzlich zu lesen: «Erstklassige Trauben aus den ältesten Parzellen des Médoc-Guts von Hand gelesen, für ein Höchstmass an Fruchtaromen. Der Wein wird in den kühlen Kellern des alten Guts in besten Eichenfässern ausgebaut.» Da wird vollmundig Qualität suggeriert. Im Dunkeln bleibt das Alter der Rebstöcke und nichtssagend ist der Hinweis auf den kühlen Keller. Angesichts solch hohler Kommentare ist Skepsis angebracht. Viele Schaumschläger machen sich breit und nutzen die Unübersichtlichkeit des Marktes.
Der Wein und sein Preis
Der Preis ist unbestritten ein wichtiges Kriterium auf allen Qualitätsstufen. Im unteren Segment herrscht heute allerdings ein ruinöser Preiskampf. Andreas März, Chefredaktor der Zeitschrift Merum, schreibt in der April-Ausgabe (2008) in diesem Zusammenhang: «In den Produzentenländern werden die Preise [von den Gross-Einkäufern] derweil immer weiter unter die Produktionskosten gedrückt. Das blutet den Sektor aus, verunmöglicht Investitionen, unterspült Qualitätsdenken, fördert Schwindler und schreckt landwirtschaftlichen Nachwuchs ab.»
Eine solche Entwicklung ist bedenklich. Denn sie begünstigt bei Produzenten die Bereitschaft, Wein mit unrechtmässigen Methoden billiger herzustellen. Das jüngste Beispiel liefert Italien. Dazu nochmals Andreas März: «Je weniger die Verbraucher bereit sind, für Wein einen gerechten oder zumindest würdevollen Preis zu bezahlen, desto fruchtbarer wird das Umfeld für önologische Kriminalität: Wer Billigwein kauft, arbeitet den Weinpanschern in die Hände.»
Hochklassiger Wein hat es bezüglich Preisgestaltung etwas leichter. Er ist dafür aber konjunkturempfindlicher. Dank neuer Märkte hat sich ein börsenähnlicher Handel etabliert, der die Preise für Spitzengewächse letztes Jahr in ungeahnte Höhen steigen liess. Die Weine werden, besonders in der Hausse, zu Spekulationsobjekten gemacht. Auch wir werden zunehmend mit einer drängenden internationalen Nachfrage und hohen Preisangeboten konfrontiert. Wir kaufen unsere Weine aber in erster Linie für unsere treue Schweizer Kundschaft und suchen bei der Preisfestsetzung einen vernünftigen Kompromiss, der jeweils weit unter den Weltmarktpreisen liegt.
Auf der Kundenseite stellen wir eine verstärkte Tendenz fest, den Kauf – vor allem von bekannten Gewächsen – allein vom Preis abhängig zu machen. Dank der Transparenz, welche das Internet in den weltweiten Handel gebracht hat, ist der günstigste Preis schnell gefunden. Bei einer solchen, rein monetären Betrachtungsweise zählen menschliche Kontakte, die Erfahrung des Vermittlers und die Qualität von Dienstleistungen und Service nichts mehr. Ein beratendes Gespräch findet nicht statt, der Weineinkauf wird anonym, und das wertvolle soziale Element, das sowohl dem Weingenuss als auch dem Weineinkauf eine besondere Dimension verleiht, fällt weg. Das ist bedauerlich und letztlich eine Reduktion auf Namen, Jahrgang und Preis. Dabei vergisst man, dass auch hochklassige Weine einer pfleglichen Behandlung bei Import, Lagerung und Lieferung bedürfen, wenn man Enttäuschungen vermeiden will.
Mehrwert im Fachgeschäft
Grossverteiler und Discounter sind heute die mächtigsten Akteure auf dem Weinmarkt. Im harten Verdrängungskampf untereinander sind ihre Hauptwaffen die Finanzkraft und der tiefe Verkaufspreis. Für den Fachhandel ist das eine beachtliche Herausforderung, der wir mit umfassenden persönlichen Kenntnissen sowie einer individuellen und kompetenten Beratung und erstklassigen Bedienung begegnen. Je mehr Sie von uns erfahren, desto grösser ist Ihr Genuss. Weil handwerkliche Produktion Unregelmässig-keiten einschliesst, ist guter Wein erklärungsbedürftig, vom Jahrgang und seiner Herkunft her, aber auch wegen der Individualität des Erzeugers, seiner Mentalität und seiner Ideen. Das macht Wein aus Individualproduktion ja so einzigartig und ist Grund genug, ihm beim Einkauf die notwendige Sorgfalt angedeihen zu lassen.
Die Erzeugung und die Vermittlung von Wein sind komplexe Metiers, abhängig von Personen, von Talenten. Wer sich dieser Tatsache bewusst ist, hat Interesse an einer dauerhaften, auf Vertrauen basierenden Beziehung, die hohen Ansprüchen gerecht wird. Dafür sind wir da – heute und in Zukunft.
Rolf Reichmuth
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