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Jahrgangs- und Marktbericht als PDF (268KB)
Ein Weinjahr wie 2006 fasziniert uns
Wenn wir das Jahr 2006 in geschäftlicher Hinsicht kommentieren, so ist ein Hinweis auf die Primeur- und Subskriptionsverkäufe unvermeidlich. Bordeaux 2005 weckte kontroverse Reaktionen. Nicht wegen der Qualität – die ist unbestritten. Aber wegen der Preise. Die teilweise ausgelöste Empörung ist verständlich, wenngleich die Situation nicht neu ist. Beträchtliche Aufschläge kannten wir Anfang der 70er-Jahre, dann wieder 1983 (für die 82er primeurs), einen weiteren Schritt aufwärts ging es mit dem 89er, später dann mit dem 97er, dem 2000er, dem 2003er und schliesslich mit dem 2005er. Mit jedem bedeutenderen Aufschlag wurden die Preise auf ein neues Niveau gehoben, sie fanden allerdings – mit Ausnahme des 97ers – immer in sehr guten bis aussergewöhnlichen Jahren statt.
Weinliebhaber empfinden solche starken Preiserhöhungen vorerst immer einmal als Ärgernis. Mit der Zeit jedoch verfliegt der Ärger, weil durch die Entwicklung plötzlich «günstig» wird, was ursprünglich als sehr teuer taxiert worden ist.
Dennoch hat die letztjährige Primeurkampagne die Diskussion nach dem «richtigen» Preis für eine Flasche eines Spitzenweines erneut angefacht. Eine exzellente Qualität, Prestige und das hektische, börsenartige Spiel von Angebot und Nachfrage haben das Gefüge durcheinander gebracht. Dabei ist festzuhalten, dass von den rund 200 berühmten Bordeaux-Gütern nur gerade die crème de la crème spektakulär hohe Preise verlangte. Die Neigung, das moralisch zu werten und als reine Geldgier hinzustellen ist gross, jedoch nicht ganz sachgerecht. Und vor allem darf man nicht verallgemeinern. Viele propriétaires haben die traditionellen Märkte nicht vergessen und den Kontakt zu den langjährig treuen Weinliebhabern nicht verloren. Sie können die Tendenz einer Globalisierung des Bordeauxmarktes jedoch auch nicht ignorieren. So betrachtet ist der «richtige» Preis letztlich der, welcher die Weinliebhaber und -liebhaberinnen für einen bestimmten Wein in einem bestimmten Jahrgang zu zahlen bereit sind.
Trotz preislicher Höhenflüge galt es letztes Jahr, eine fast unstillbare Nachfrage zu befriedigen. Erfreulich dabei war insbesondere die Tatsache, dass unsere Kundschaft unseren Empfehlungen gefolgt ist und sich für hervorragend gepflegte Bordeaux-Provenienzen mit weniger klingenden Namen entschieden hat. Sie bieten ein sehr attraktives Preis/Qualitäts-Verhältnis. Grossartig gelungen sind auch die Burgunder 2005. Wer also bei unseren Subskriptionen zugegriffen hat, darf sich freuen – der Jahrgang ist ausgezeichnet. Solche Weine verkaufen sich beinahe von alleine.
Komplexer wird es in Jahren wie 2006, wo einzelne Regionen sehr gute Resultate erzielten, während andere mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und sich auch innerhalb der Weingebiete ein heterogenes Bild zeigt. Wenngleich dank wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse die Risiken des Weinbaus und die Probleme der Weinbereitung heute besser gemeistert werden als noch vor zwei, drei Jahrzehnten, so bleibt doch die Tatsache, dass das Wetter den Charakter und die Qualität eines jeden Jahres stark beeinflusst. Darauf besinnt man sich jeweils, wenn auf ein klimatisch begünstigtes Jahr ein solches mit weniger guten Verhältnissen folgt. Heute steht manch ein Produktionsgebiet vor dieser Situation. Sie erinnert daran, dass auch wohlsituierte Weingutsbesitzer letztlich Rebbauern sind und den Rebstock pflegen, und dass das Ernten einer gut ausgereiften Frucht stets als Lohn und Geschenk zu betrachten ist.
Ein Weinjahr wie 2006 fasziniert uns. In schwierigeren Jahren wird nämlich deutlich die Spreu vom Weizen getrennt. Produzenten, die die Rebpflege auch bei weniger günstigen Klimaverhältnissen beherrschen, die bei der Lese das gesunde und reife Traubengut sorgfältig vom ungenügenden trennen und sich in der Weinbereitung à fond auskennen, erzeugen mit schöner Konstanz gute Weine. Und wer den rechten Umgang mit Wein pflegt, akzeptiert Jahrgangsunterschiede als Zeichen dafür, dass Wein eben ein Naturprodukt ist. Unter der Voraussetzung der gekonnten Bereitung und des angemessenen Preises bietet er – zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle eingesetzt – reizvollen Genuss.
Rolf Reichmuth
PS. Unter dem Titel «Qualitätsmindernde Entwicklungen beim Wein» habe ich im Jahrgangsbericht 2005 den Einsatz von Holzschnitzeln in der Weinbereitung kritisch unter die Lupe genommen und erwähnt, dass besonders stossend daran ist, dass auf eine Deklarationspflicht auf den Etiketten der entsprechenden Weine ausdrücklich verzichtet wird.
In der Zeitung Sud Ouest vom 21. November 2006 fand sich dazu folgende interessante Notiz: «Das INAO, die oberste französische Weinbaubehörde, sagt Nein zu den Holzschnitzeln für die Weine mit Appellation contrôlée (die Hälfte der Produktion Frankreichs), auch wenn Versuche erlaubt sind. Italien macht es ebenso für seine DOC und DOCG-Weine. Der Landwirtschaftsminister begründete diesen Entscheid wie folgt: ‹Wir wollen nicht preisgünstiger produzieren mit Methoden wie Holzschnitzel, die der Qualität und dem Image schaden.› Die Schweiz, nicht Mitglied der EU, hat den Holzschnitzel-Einsatz erlaubt.»
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