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Jahrgangs- und Marktbericht als PDF (268KB)
Bordeaux | Burgund | Languedoc-Roussillon | Spanien | Italien
Bordeaux - un millésime de viticulteur Was darf man nach dem grossartigen 2005er von Bordeaux 2006 erwarten? Die Krone gebührt dieses Jahr vermutlich den trockenen Weissweinen. Der kühle August sorgte bei ihnen für Frische, Aromareichtum und saftige Säure, und das Erntegut wurde bei besten Lesebedingungen eingebracht. Was die Rotweine heute schon kennzeichnet ist ihre Heterogenität – je nach Region, Weingut und sogar Parzelle präsentieren sich die Weine unterschiedlich.
Es begann alles vielversprechend: Eine gute Winterperiode von Dezember bis Ende Februar mit 44 (sanften) Frosttagen gönnte dem Rebstock die willkommene Ruhezeit und liess die Rebschädlinge absterben. Regenfälle im März brachten das ersehnte Nass und füllten die Wasserreserven im Boden auf. Die Rebe begann etwas später als gewöhnlich auszutreiben, was eine Ernteperiode in der zweiten Septemberhälfte voraussehen liess. Bereits kündigte sich ein kleiner bis mittlerer Ertrag an, der durch einen lokalen Morgenfrost am 11. April nochmals reduziert wurde. Wegen einiger tiefer Nachttemperaturen Ende Mai litten die früh blühenden Merlot- und weissen Sauvignon-Trauben etwas unter Verrieselung (frz: coulure; die Traubenblüte stirbt ab und die Fruchtansätze verkümmern). Eine schwache Verrieselung ist an sich kein Unglück. Die Traube wird dadurch lockerer, ergo besser durchlüftet und weniger krankheitsanfällig, und zusätzlich erübrigt sich damit das kostenintensive Ausdünnen eines zu starken Behangs. Im Juni und Juli verzeichnete man Wärmerekorde und ein Niederschlagdefizit, trotz einiger zum Glück hagelfreien Sommergewitter. Laut NZZ vom 8. August 2006 war es auch bei uns der heisseste Juli seit Messbeginn 1864.
Am 1. August änderte sich die Situation dann schlagartig: es wurde trüb und kalt. Das unfreundliche August-Wetter dürfte dafür verantwortlich sein, dass wir den Sommer 2006 in unguter Erinnerung behalten werden. Die Niederschläge lagen zwar nur wenig über dem langjährigen Durchschnitt, sie genügten aber, um die vorher kleinen und harten Traubenbeeren gegen Ende August merklich anschwellen zu lassen. Nun lauerte überall Fäulnisgefahr. Der in den letzten zwei Augusttagen aufkommende Wind und sonniges Wetter verhinderten Schlimmeres. Erneut kam es zu einem markanten Wetterwechsel. Bis zum 10. September beherrschten Sonne und Wärme das Bild. Diese erneute Hitzeperiode war dort willkommen, wo die Rebberge stets tadellos gepflegt waren. Wo weniger professionell gearbeitet worden war, breitete sich wegen hoher Luftfeuchtigkeit (Dunst, Morgennebel) und warmen Nachttemperaturen die Fäulnis dramatisch aus. Besonders dort, wo die Böden mit Stickstoffdünger auf Ertrag getrimmt waren, verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Trauben rasch.
Die Weissweine wurden in der ersten Septemberdekade bei optimalen Bedingungen gelesen. Reife- und Gesundheitszustand sowie Zuckergehalt und Säurewerte waren gut.
Die Rotweine waren weniger vom Glück begünstigt. Vom 11. bis 25. September kam es immer wieder zu lokalen Regenfällen. Im frühreiferen und fäulnisempfindlicheren Merlot war die Entwicklung der Gerbstoffe zu diesem Zeitpunkt noch nicht in allen Lagen ganz abgeschlossen, und es galt abzuwägen, ob mit der Ernte bereits begonnen und dafür grüne Tannine in Kauf genommen werden sollen. Zuwarten bedeutete wohl bessere Reife aber auch grösseres Fäulnisrisiko. So war es ein fortlaufendes, nervenaufreibendes Entscheiden und ein Rennen gegen die Zeit. Nach dem Merlot drängte bereits der Cabernet Franc und anschliessend war die Reihe am Cabernet-Sauvignon. Er widerstand den misslichen Verhältnissen am besten, zeigte wenig Fäulnis und profitierte vom erneut einsetzenden schönen Wetter in der letzten September- und der ersten Oktoberwoche. Die Qualität des Cabernet-Sauvignon war allgemein sehr regelmässig. Gut ausgereifter und früh gelesener Merlot (Pomerol, Pessac-Léognan) beeindruckte mit Kraft und Stoff. Höchst erstaunlich waren, trotz der Regenfälle, die hohen Zuckerwerte in den Mosten.
Im Sauternais setzte die Lese ab Ende September ebenfalls ein. Auf Yquem sprechen die Verantwortlichen Pierre Lurton und Francis Mayeur von vendanges chirurgicales. Sie beschäftigten 160 Saisonniers, gaben ihnen exakteste Instruktionen und liessen sie pro Parzelle bis zu 5 Erntedurchgänge machen. «Es war eine faszinierende Erntezeit», meint Pierre Lurton, «eine Vielzahl kleiner Details gab den Ausschlag. Für uns ist es ein grosser Jahrgang.»
Welches sind nun die Faktoren für ein gutes Gelingen trotz des schwierigen Herbstes?
- Kleiner Ertrag (unter demjenigen von 2003 und 2005) und eine sorgfältige Lese von Hand mit erfahrenen Ernte-Arbeitern
- Rigorose Sönderung sowohl am Rebstock als auch im Keller, um wirklich nur das gesunde Erntegut zu verarbeiten. Auf Château Malescot-Saint-Exupéry beispielsweise wird zweimal gesöndert: einmal vor dem Abbeeren und einmal danach
- Eine schonende Weinbereitung, um keine grünen und unreifen Tannine zu extrahieren, und eine etwas kürzere Maischegärung
- Durch eine saignée (vor allem beim Merlot), dem Ablaufenlassen von Most vor dem Einsetzen der Gärung, wurde der vom Regen verdünnte Saft wieder konzentriert
Bordeaux 2006, un millésime de viticulteur, wie es Véronique Sanders von Château Haut-Bailly in Pessac-Léognan ausdrückte. Wir werden darauf zurückkommen.
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Burgund - la surprise agréable Als wir am 20. Februar dieses Jahres in Etienne Grivots Keller die Jahrgänge 2006 und 2005 durchprobierten wurde uns zweierlei bewusst: einerseits die grossartige Qualität des 2005ers (kräftig, vollmundig, perfekt strukturiert) und andererseits die Tatsache, dass man mit Kompetenz, rigoroser Sorgfalt und einem Schuss Intuition auch in schwierigeren Rebjahren wie 2006 Vorzügliches produzieren kann. Dieser Eindruck bestätigte sich auch bei den anderen Besuchen, sei es bei Laurent Juillot (le travail du vigneron fait la différence), Dominique Lafon (Weissweine mit grossartigem Potenzial, Rotweine mit lebhafter, reiner Frucht, ausgewogen und delikat), Armand Rousseau (2006, la surprise agréable) oder all den andern, mit denen wir einen langjährigen Kontakt pflegen.
Der Wetterverlauf war ähnlich wie im Bordelais: langer Winter mit Kälte und Schnee bis in den März hinein, ausgiebige Niederschläge zum Frühlingsbeginn, unbeständig im April und Mai, sommerlich heiss im Juni und Juli und dann ein kühler, regnerischer August, der die bis anhin erfreulichen Aussichten etwas trübte. Fäulnisherde wurden am anfälligen Pinot-Noir beobachtet. Dank tiefer Temperaturen breiteten sie sich nicht stark aus, mussten aber gut und regelmässig kontrolliert werden. Der Reifeprozess verlangsamte sich, und erst das schöne Wetter Ende August/Anfang September brachte ihn wieder in Gang.
Mitte September begann die Lese, und sie dauerte bis in die ersten Oktobertage hinein. Auch im Burgund beeindruckten die hohen Zuckerwerte der reifen Trauben und zusätzlich das Gleichgewicht von Zucker und Säure. Sorgfältige Sönderungen im Rebberg und am table de tri waren unerlässlich für ein gutes Gelingen. Aufgrund der strengen Auslese reduzierte sich der Ertrag um rund 10 bis 15%. Bezüglich Qualität ist man überzeugt, dass die Weissen vielversprechend sind, bei den Roten erwartet man fruchtbetonte, ausgewogene Gewächse mit Schmelz.
Im Beaujolais und Mâconnais zeichnen sich die Weine aus durch Ausdruckskraft, Frucht und Würze. Der Gesundheitszustand der Trauben hing ab von Düngung, Rebschnitt und Behang. Bei zu grossem Ertrag war Fäulnis an der Tagesordnung und folglich war eine Heterogenität auch hier festzustellen. Dominique Piron von Villié-Morgon schliesst seinen Jahrgangsbericht mit den Worten: «Der Letztgeborene ist gut strukturiert und vollfruchtig. 2006 ist für uns ein sehr guter Jahrgang.»
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Languedoc-Roussillon - noch ein gutes Jahr Sie kennen vielleicht das geflügelte Wort in Weinbaukreisen. Auf die Frage: «Welches ist Ihr bester Jahrgang?» antwortet jeder Weinbauer normalerweise: «Der letzte.» Im Languedoc trifft es zu, und dies obwohl schon der 2005er zu den sehr guten Jahrgängen gehörte. Der Wetterverlauf war zwar ähnlich wie im Bordelais mit einem kühlen und eher trüben August, der Lesezeitpunkt ist jedoch regelmässig früher als in den nördlicheren Weinbaugebieten. So profitierte die ganze Region dank viel Wind (Mistral und Tramontane) und einer prächtigen Schönwetterperiode von Ende August bis zum 13. September von optimalen Erntebedingungen. «Le temps des vendanges a été idyllique» (Die Erntezeit war idyllisch), sagte uns Olivier Jullien. Er habe in jeder Parzelle genau zum besten Zeitpunkt lesen können.
Der aus dem langen Winter 05/06 resultierende Vegetationsrückstand im Rebberg wurde im heissen Sommer aufgeholt, so dass bereits Ende August die weissen Rebsorten eingebracht werden konnten. Auf unserem Rebgut Mas de Theyron wurde die Weissweinparzelle (1,3 ha) quasi en famille und in aller Ruhe vom 30. August bis am 1. September gelesen. Die sieben Rebsorten ergaben in ihrer Gesamtheit optimale Zucker- und Säurewerte. Da bei der Weissweinproduktion das Erntegut rasch abgepresst wird, war der ganze Keller erfüllt mit einem blumigen Duft und den Aromen von Zitrusfrüchten, Agrumen und Aprikosen. Von all «unseren» Rebgütern wird uns gemeldet, dass es richtiggehend ein Vergnügen war, die Rotweinsorten einzubringen. Die Beeren waren fest und klein, und in den Erntegefässen lag nach dem Ausleeren auf den Sortiertisch kein Saft. Ein untrügliches Zeichen für den hervorragenden Gesundheitszustand des vollreifen Lesegutes. Der Zuckergehalt lag leicht unter dem letztjährigen, was unser Önologe François Serres auf den kühlen August und die tiefen Nachttemperaturen im September zurückführte. Die gelungenen 2006er aus den führenden Languedoc-Rebgütern haben deshalb eine gute Säurestruktur, weiche, samtige Tannine, sie sind ausgewogen, fruchtig und zeigen viel Frische. «Encore une belle année», wie Sophie Louison von Château des Estanilles bemerkte.
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Spanien/Portugal - Qualität zahlt sich aus Nach zwei hervorragenden Jahrgängen muss man sich in der Rioja 2006 mit der Note «sehr gut» begnügen. Wie im übrigen Europa war das Wetter zu Beginn der Vegetation frisch. Die nachfolgenden heissen Sommermonate und die ersten Septembertage liessen die Trauben jedoch perfekt ausreifen. Es deutete bereits alles auf einen weiteren Spitzenjahrgang hin, doch auf Grund von vereinzelten Niederschlägen während der Erntezeit konnten die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt werden.
Das dennoch gute Resultat dürfte auf die neuen, verschärften Qualitätsanforderungen der Rioja zurückzuführen sein: 2006 wurde erstmals nicht nur die geerntete Traubenmenge pro Hektare festgelegt, sondern auch die maximale Ertragsmenge pro Weinstock. Das Novum war im Vorfeld umstritten, Christine Forner von Marqués de Cáceres zeigte sich deshalb überrascht und auch erfreut darüber, wie diszipliniert die Winzer die neue Regelung umsetzten. «Die Appellation Rioja wird an Prestige gewinnen», ist sie überzeugt. Die Weine der Bodega Marqués de Cáceres wurden dank der eher kühleren Temperaturen mit einer ungewöhnlichen Frische gekeltert. Weiss- und Roséweine sind bereits abgefüllt. Der Entscheid, ob es Reserva und Gran Reserva vom Jahrgang 2006 geben wird, ist zur Zeit noch ausstehend.
Dr. Joan Miquel Canals vom Cava-Weingut Canals Nadal ist ein kritischer Wein-Wissenschaftler. Seine Einschätzung des Jahrgang ist aber rundum positiv und Wetterextreme gab es in der Region um Barcelona im 2006 keine. «Der 06er wird im Gegensatz zum 05er weniger mineralische Töne, dafür mehr Honignoten aufweisen. Aber im Gaumen erwarte ich vom 06er die gleiche Frische wie im Vorjahr», kommentierte Canals das Resultat.
In Portugal wird der 14. Juni 2006 in besonders schlechter Erinnerung bleiben. Ein Hagelschauer zog über die Rebberge und zerstörte im Schnitt 30% der betroffenen Gebiete. Dominic Symington von Warre’s beschrieb in seinem Bericht: «Es sah aus, als hätte man aus nächster Nähe mit Schrottkugeln auf die Pflanzen geschossen.» Die nachfolgende Hitzeperiode und der angenehme, etwas kühlere August liess wieder Hoffnung aufkommen. Nach drei problemlosen Erntejahren war den Winzern aber bewusst, dass sich dieses Jahr die Ernte über eine längere Zeit hinauszögern wird. Stürme im September mit einigen Regentagen erschwerten die Ernte zusätzlich, der Vorteil der starken Winde war aber, dass die feuchten Beeren nach Niederschlägen schnell und gut getrocknet wurden. Es ist mit einigen sehr gute Weinen zu rechnen, als Vintage-Jahrgang wird 2006 allerdings kaum deklariert werden.
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Italien - von der Natur verwöhnt «Von der Natur darf man nicht mehr verlangen! Die Sonne hat uns während der ganzen Weinlese nie verlassen. Auch heute am 18. Oktober – fünf Tage nach der Ernte – geniessen wir den milden und sonnigen Herbst.» Marinella Camerani von Corte Sant’Alda, unserer Neuentdeckung des Sommers 2006 aus dem Veneto, ist überglücklich mit der eingebrachten Ernte und lässt kaum Zweifel offen, dass grosse Weine aus dieser Kellerei zu erwarten sind.
2006 mussten die italienischen Winzer aber auch zittern. Der kühle und regnerische Frühling brachte eine verzögerte Blüte mit sich, das feuchte Klima begünstigte Pilzkrankheiten, vorab den Falschen Mehltau. Das Blatt wendete sich mit den ersten Junitagen, ein stabiles Hochdruckgebiet setzte sich fest, und bis Ende Juli fielen beispielsweise in der Toskana nur noch gerade 4mm Niederschlag. Der August zeigte sich wieder von der kühlen Seite, der Reiferückstand wuchs wieder an. September und Oktober entsprachen dann aber vollumfänglich dem einleitenden Zitat und bescherten den Winzern in grossen Teilen Italiens eine mengenmässig geringfügig kleinere, dafür qualitativ ausgezeichnete Ernte.
Nadia Betti von La Lastra in San Gimignano ist vor allem glücklich, dass alle verschiedenen Rebsorten wieder einmal im richtigen Moment geerntet werden konnten. Die Vinifikation gestaltet sich einfacher, wenn die Natur die Trauben optimal ausreifen lässt. «Die Rotweine haben die malolaktische Gärung spät durchgeführt, das deutet immer auf reichhaltige Weine hin», erläutert uns die sympathische Winzerin. Der Jahrgang 2006 dürfte in der Toskana damit kräftige Gewächse mit bedeutender Lagerfähigkeit hervorgebracht haben. Die Azienda Agricola Mastrojanni zeigte sich angetan ob der frischen Säure und den feinen Tanninen, alles ist vollkommen und wir werden den Brunello 2006 lange lagern können!
Marcello Ceretto im Piemont beurteilt den Jahrgang ebenfalls euphorisch, im Gegensatz zur Toskana blieb zwar der September recht kühl, dennoch konnte rund eine Woche früher als üblich der fragile Nebbiolo für den Barolo geerntet werden. In Fass zeigt er neben einer schmeichelnden Fülle auch ein vielfältiges Aromenspektrum und seine klassische Tanninstruktur.
Im Süden gibt es kaum Spektakuläres zu berichten, ausser dass nach der Sommerhitze Mitte September starke Niederschläge fielen und die Winzer zu einem längeren Ernteunterbruch gezwungen waren. Wo das Traubengut gesund war, überstand man diese heikle Phase problemlos. Dennoch spricht in Apulien niemand von einem Spitzenjahrgang, zusätzlich bremsen stark schwankende Erntemengen die Euphorie der dynamischen Weinregion.
Man spürt die Erleichterung der italienischen Winzer, nach einer Reihe von anspruchsvollen Jahren durften Sie wieder einen rundum gelungenen Jahrgang kommentieren. Die weitere Entwicklung der 06er werden wir aufmerksam verfolgen. Zumal die Preise in Italien selbst in den berühmten Appellationen derzeit stabil sind.
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