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Jahrgangs- und Marktbericht als PDF (142KB)
Der grosse Weinsee
Der europäische Weinmarkt, unser Land ist davon nicht ausgenommen, wird gegenwärtig überschwemmt mit billigsten Weinen in oft hübscher Aufmachung. Die Sonderofferten der Anbieter – in der Regel keine Weinfachleute – jagen sich, und um die Simplifizierung auf die Spitze zu treiben, gilt vielfach ohne plausible Begründung für eine ganze Reihe von Weinen ein auffällig tiefer Einheitspreis. Ein nicht überprüfbarer Preisvergleich suggeriert einen hohen Abschlag. Auffallend auch: Je billiger das Produkt, umso grösser der Hinweis «Spitzenwein ». Derart ungereimte Übertreibungen sollten die Alarmglocke auslösen, besteht doch das Risiko auf qualitativ unbefriedigende Massenware oder auf überalterte, schlecht gelagerte Liquidationsposten zu stossen, für die jeder Preis zu hoch ist. Die Ent-Täuschung bemerkt man meist erst später, bei Tisch, wenn ein Wein langweilt oder sich am Gaumen und anderntags im Kopf unangenehm bemerkbar macht.
Diese Angebote sind ein Zeichen dafür, dass der Weinmarkt immer stärker auseinander klafft. Auf der einen Seite die industriell hergestellten Produkte, bei denen die Aspekte Reben, Boden und Klima nebensächlich sind und ersetzt werden durch ein geschicktes Marketing. Wein wird zum modernen, in grossen Mengen verfügbaren Getränk: mundig, trendig und standardisiert. Auf der anderen Seite die Gewächse aus Individualproduktionen, aufwendig erzeugt, mit viel Handarbeit, und daher auch ihren höheren Preis wert. Dank ihres Charakters und ihrer Komplexität richten sie sich an kleinere Kreise von Weinliebhabern.
Schwer auf dem Markt lastet darüber hinaus ein mengenmässig bedeutender, jedoch namenloser Weinsee von oft ungenügender Qualität und hergestellt von zahllosen, unbekannten Rebbauern in häufig kleinen Familienbetrieben. Flexibilität trifft man bei ihnen kaum, denn erstens ist die Anlage von Rebbergen eine langfristige Angelegenheit und zweitens sind Verdienst-Alternativen kaum vorhanden. Ihnen fehlen auch schlicht die finanziellen Mittel um notwendigen Investitionen für eine Qualitätsverbesserung vorzunehmen.
Mehr Produzenten machen mehr Wein Der gegenwärtige Überschuss und der damit einhergehende Preiszerfall wurden ausgelöst durch das Auftreten neuer Produktionsländer. Seit dem Beginn der 80er Jahre ist das vor allem Australien, das zwar auch Hervorragendes bietet. International verflochtene Grosskonzerne organisieren dort jedoch den Weinbau neu und effizient und brauchen dabei keine Rücksicht auf hinderliche Traditionen zu nehmen.
Qualitätsfördernde und deshalb auch einschränkende sowie verteuernde Produktionsvorschriften, wie sie in Europa gang und gäbe sind, kennt man nicht. Erlaubt ist, was dem Kunden gefällt und gute Rendite bringt. Mehr als auf Herkunft setzen sie auf die Positionierung einer Marke und treten im Ausland entsprechend aggressiv auf. Parallel dazu hat der Pro-Kopf-Konsum in den letzten Jahren in quasi allen Industrieländern abgenommen. Dafür hauptsächlich verantwortlich sind die Massnahmen für ein verantwortungsbewussteres Verhalten im Strassenverkehr sowie eine verstärkte Anti-Wein-Kampagne. Der gesundheitsfördernde Aspekt des massvollen Weingenusses wird in Abrede gestellt und der Wein undifferenziert als schädlicher Alkohol verunglimpft.
Auf diese Weise bringen Überschuss und Verbrauchsabnahme den Weinmarkt aus dem Gleichgewicht. Die konjunkturelle und strukturelle Krise in einigen grossen Rebbaugebieten Europas verschärft sich. Ein Paradebeispiel dafür ist Bordeaux. Wohl sind dort jene rund 25 Gewächse, die weltweit als Messlatte dienen, denen die Erzeuger in allen Anbaugebieten nacheifern und die preislich abgehoben haben. Der Glanz dieser berühmten Weingüter kontrastiert jedoch heftig mit der Krise bei jenen Winzern, die oft nur mittelmässigen Wein erzeugen. Inzwischen hat die Konkurrenz aus Europa und Übersee den «kleinen Bordeaux» aus den Angeboten verdrängt. Verkäufe ab Produktion unter den Gestehungskosten sind deshalb an der Tagesordnung, und Grossverteiler-Angebote für eine Flasche Bordeauxwein für 1 Euro werden wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Diese Entwicklung stimmt nachdenklich, ist aber gleichzeitig eine Herausforderung. Für uns ist der Wein ein Kulturgut, der Weinbau und die Weinbereitung sind anspruchsvolle Handwerkskunst. Guter Wein ist einzigartig: Kein Jahrgang schmeckt wie der andere, jeder Rebhang verleiht dem Wein seine Geruchs- und Geschmacksnuancen, seinen Charakter, seine Persönlichkeit. Unsere Welt ist die Welt des Weines mit all ihren Facetten. Weinhandel ist für uns eine Passion, ein Brückenschlag zwischen Menschen und Kulturen, eine dauernde Auseinandersetzung mit Fragen nach Qualität und Genuss. Wir sind neugierig und gehen den Dingen auf den Grund. Und wir freuen uns, wenn wir mit unserer Begeisterung für ein uraltes Handwerk auch andere Menschen anstecken können.
Rolf Reichmuth
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