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Marktbericht 2003: Was war das für ein Jahr!

 

2003 – was war das für ein Jahr! Wärme und Trockenheit dominierten, und abgesehen von einigen wenigen Ausrutschern herrschte in weiten Teilen Europas von März bis September sonniges Mittelmeerklima. Die Temperaturen lagen allgemein über der Norm, und der Juni war gar der heisseste Monat seit Menschengedenken. Ventilatoren und Klimageräte wurden zur Mangelware, derweil der Absatz der übrigen Konsumgüter eher schleppend verlief. Weiss-, Rose- und leichte Rotweine verkauften sich zwar gut, gehaltvollere Provenienzen blieben aber verständlicherweise vorerst einmal liegen. Doch mehr als Wirtschaftliches interessiert uns hier Landwirtschaftliches, hatten doch auch die Pflanzen teilweise Mühe mit Hitze und Wassermangel. Krankheiten traten aufgrund der trockenen Witterung zwar kaum auf, und die vignerons hatten deshalb ein relativ einfaches Rebjahr. Im Sommer 2003 musste die Rebe selbst die Hauptarbeit leisten. Da die Wetterverhältnisse quasi europaweit die selben waren und folglich für alle wichtigen Weinbaugebiete zutrafen, lohnt es sich, einen detaillierten Blick darauf zu werfen, wie die Rebpflanze bei Trockenheit und hoher Temperatur funktioniert.
 
Die Rebe ist wie andere Pflanzen auch ein Wunderwerk der Natur. Sie nimmt das Wasser über die Wurzeln auf und leitet es hinauf zu den Blättern. Hohe Temperaturen erträgt sie problemlos unter der Voraussetzung, dass sie genug Wasser hat. Fehlt dieses, erzeugen die Wurzeln das Pflanzenhormon ABA (Abscisinsäure). Dies dient in den Blättern als Hinweis dafür, Wasser zu sparen. Die Blätter schliessen daraufhin ihre Spaltöffnungen (die Stomaten), die als Wasserdampfventile zwischen dem Blattinneren und der Aussenluft dienen. Sofern erforderlich, kann das Blatt gut zwei Wochen lang in diesem Ruhezustand verharren. Der Atmungsprozess, die Photosynthese (biochemische Reaktion im Rebenblatt, bei der unter Einwirkung von Sonnenlicht aus Wasser und CO2 Zucker gebildet wird) und die Wasserverdunstung kommen praktisch zum Erliegen. Eine kurze Trockenperiode kann die Rebe so schadlos überstehen. Der Reifeprozess wird dabei sogar noch gefördert. Wenn die Trockenheit länger andauert, lässt die hormonelle Warnung aber nach, die Blätter öffnen nachts ihre Spaltöffnungen und sie verbrauchen Wasser, das nicht mehr ersetzt werden kann. Sie welken – die alten zuerst –, werden gelb und fallen schliesslich ab. Vielerorts konnte man in diesem Sommer beobachten, wie die Laubbäume ihre Blätter abwarfen. Mit dieser Schutzmassnahme reduziert die Pflanze ihre Oberfläche und damit die Wasserverdunstung. Bei der Rebe kann sich diese natürliche effeuillage im beschränkten Rahmen qualitativ sogar positiv auswirken. Die Traubenbeeren profitieren dann von der direkten Sonneneinstrahlung. Das verstärkt die Farbbildung, und die bessere Luftzirkulation um die Trauben verringert das Risiko von Fäulnisbildung. Bei grosser Hitze und einem starken Feuchtigkeitsstress ist der Blattverlust jedoch mehrfach unerwünscht. Die Photosynthese kommt zum Stillstand, der Lichtschutz für die Trauben entfällt, die Beeren erleiden Verbrennungen und trocknen aus.
 
Fazit: Eine gesunde und ausreichend grosse Blattoberfläche ist während der ganzen Vegetationsphase von grosser Wichtigkeit. Kranke oder welke Blätter tragen nichts mehr zum Reifeprozess und zur Zuckerbildung bei. Es kommt zu einem Reifestopp.
 
Die Intensität eines Trockenstresses hängt einerseits ab von der Bodenbeschaffenheit und andererseits von der Art, wie die Rebe gehalten wird. Magere Böden mit wenig Humus oder Böden mit hohem Sandanteil vermögen die Feuchtigkeit kaum zu speichern und trocknen rasch aus. Lehmhaltige Böden dagegen speichern das Wasser und bleiben relativ lange feucht und kühl. Viele Rebanlagen sind heute mit einem Tropfenbewässerungssystem ausgerüstet. Das ist wohl ein probates Hilfsmittel, hindert die Rebe jedoch daran, ihre Wurzeln auf der Suche nach Wasser tief ins Erdreich zu treiben (das terroir kommt in der Folge im Wein weniger stark zum Ausdruck). Sie breiten sich relativ nahe unter der Bodenoberfläche aus und sind – besonders in Zeiten langanhaltender Trockenheit – auf die dauernde «künstliche» Wasserzufuhr angewiesen. Ein behördliches Verbot der Bewässerung in der Landwirtschaft, wie es im Sommer 2003 mancherorts verfügt wurde, kann in einem solchen Fall dramatische Folgen haben. Die Pflanzdichte (Anzahl Rebstöcke pro Hektare) spielt ebenfalls eine Rolle. Bei grösseren Abständen zwischen den Stöcken und Rebzeilen verteilt sich die verfügbare Menge Wasser auf weniger Pflanzen.
 
Allgemein kann man festhalten, dass im Hitze- und Trockenjahr 2003 folgende Faktoren mithalfen, ein gutes Resultat zu erzielen:
  • Das Alter der Reben. «Erwachsene» Rebstöcke im Alter von 20 und mehr Jahren mit einem voll ausgebildeten Wurzelwerk überstanden die Trockenheit gut.
  • Der Standort der Reblagen. Bevorzugt waren in den Hügellagen vor allem Parzellen in mittlerer Höhe. Auf den Kuppen sind die Böden in der Regel besser entwässert, was im «Normalfall» ein Vorteil ist, sich 2003 aber nachteilig auswirkte. In den tiefer gelegenen Lagen, wo sich oft eine Vielzahl von Pflanzen mit einem wenig ausgebildeten Wurzelwerk ansiedelt, konkurrenzierte sich die Vegetation gegenseitig.
  • Die Ausrichtung der Rebberge und der Rebzeilen. Gegen Osten (Morgensonne) gerichtete Reben litten weniger unter sonnenbrandähnlichen Verbrennungen, als jene, die voll der Mittagssonne ausgesetzt waren.
  • Die Art der Bodenbearbeitung. Eine leichte, wenig in die Tiefe gehende, mechanische Bodenbearbeitung erwies sich als vorteilhaft. Begrünung zwischen den Rebzeilen, wie sie in einem naturnahen Rebbau heute weit verbreitet und sinnvoll ist, war nicht zu empfehlen. Der Wasserkonsum ist zehnmal höher als bei einem «sauberen» Boden.
  • Der Ertrag. Die Traubenbeeren konsumieren die Stoffwechselprodukte (Zucker, Säure, Polyphenole) der Rebe. Die funktionstüchtigen Wurzeln und Blätter produzieren diese, sofern genügend Wasser vorhanden ist. Trockenheit und Hitze beeinträchtigen den reibungslosen Ablauf dieses Vorganges. Die Folge sind unerwünschte Reifestopps. Mit einer konsequenten Ertragsbeschränkung kann dies vermieden werden. Sie erhöht die Widerstandsfähigkeit der Rebe bei Trockenheit, fördert zudem die Einlagerung von Reservestoffen im Stock selbst und begünstigt so eine gesunde Holzbildung.
 

2003 setzte der Vegetationszyklus der Rebe früher ein als üblich, und dieser Vorsprung hielt an bis zur Ernte. Er war in den nördlichen Weinbaugebieten noch ausgeprägter als im Süden, weil dort die Pflanzen eher auf Wärme und Trockenheit eingestellt sind. Einem Austrieb bereits im März folgte die Blüte in der zweiten Maihälfte, was – nach der Faustregel, wonach die Trauben 100 Tage später reif sind – eine Weinlese Ende August oder Anfang September erwarten Hess. Dort, wo die Ernte erst im September begann, profitierte man von den kühlen Nachttemperaturen, was ein harmonisches Ausreifen und eine gute Aromabildung erlaubte.

Rolf Reichmuth

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