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Allgemein
Bis Ende August war das Rebjahr 2002 in allen Teilen Europas sehr schwierig und verlangte den Winzern alles ab. Das savoir-faire im Rebberg und das Qualitätsbewusstsein haben in den zwei letzten Jahrzehnten aber einen hohen Stand erreicht, und man ist heute in der Lage, den guten Gesundheitszustand der Trauben auch unter ungünstigen Bedingungen besser zu kontrollieren und zu erhalten. Das ist allerdings mit grossem Arbeitsaufwand und einer gewollten Ertragsbeschränkung verbunden. Erreicht werden kann dies unter anderem mit einer Gründüngung zwischen den Rebzeilen, um den Rebstock zu konkurrenzieren und damit seine Wüchsigkeit zu vermindern (nur sinnvoll bei feuchtem Klima), einem kurzen Rebschnitt, dem Ausbrechen von Trieben nach der Blüte (ébourgeonnage), dem Entfernen eines Teils der Blätter (effeuillage), damit die einzelnen Trauben stets gut durchlüftet sind und nach Regenfällen rasch abtrocknen können sowie einer vendange en vert im Juli/August. Wer 2002 dieserart auf die Karte Qualität setzte, wurde in der Regel zur Erntezeit im Herbst belohnt. Dass auch anschliessend - bei der Lese und im Keller - grösste Sorgfalt notwendig war und nur vollreifes und gesundes Rohmaterial verarbeitet werden durfte, versteht sich von selbst.
Bordeaux: C'est une surprise qui peut être grande...
...resümierte Jean-Hubert Delon von Château Leoville Las Gases seinen Jahrgangskommentar anlässlich eines Telefongespräches von Anfang Dezember. Und diese von Erleichterung und vorsichtigem Optimismus geprägte Aussage bildet heute den allgemeinen Grundtenor. Die sommerlichen schweren Regenfälle von Spanien bis Russland mögen dafür gesorgt haben, dass im nachhinein 2002 als regenreiches Jahr im Gedächtnis haften bleibt. Die Messungen zeigen aber ein anderes Bild. Speziell die Wintermonate 01/02 waren ausgesprochen trocken, und die sommerlichen Verhältnisse von Ende März und Anfang April erlaubten einen normalen und regelmässigen Austrieb. Frühjahresfröste blieben aus. Zur Blütezeit Ende Mai und in der ersten Junihälfte herrschten zu Beginn nicht die besten Bedingungen (kühl und nass). Unter der daraus resultierenden schlechten Befruchtung litt besonders der Merlot, zwar nicht in qualitativer aber doch in quantitativer Hinsicht. Dem zwar trockenen aber zu kühlen Juli folgte ein August mit kurzen, heftigen Gewittern und einer um rund 3 Grad zu tiefen Durchschnittstemperatur. Anfang September war von einem Reifeprozess noch herzlich wenig zu sehen. In den Köpfen der älteren proprietaires erwachte die Erinnerung an den Albtraum-Jahrgang 1968. Dann geschah das Wunder: Ein Nordost-Wind fegte alle Wolken weg und bescherte der ganzen Region während fast fünf Wochen schönstes Herbstwetter - mit Ausnahme der heftigen, teilweise mit Hagel verbundenen Gewitter vom 20./21. September in der nördlichen Médoc-Region.
Die Lesearbeiten auf den seriös geführten Gütern begannen um den 10. September herum für die weissen Sorten, gegen den 20. September für den Merlot und Anfang Oktober für die Cabernets. Die Einkellerung der Trauben selbst geschah nochmals mit viel Sorgfalt. Auf einigen Châteaux wurde mit grossem personellem und technischem Aufwand das Erntegut beinahe beerenweise sortiert. Zur Qualität schreibt uns Francis Courselle von Château Thieuley am 5. November: «A notre avis nous tenons là une très, très belle année. Sur le plan qualitatif on peut la comparer au millésime 1998.»
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Burgund: «Un millesime qui devrait faire parier de lui»
…schrieben uns am 27. November die eher zurückhaltenden Valerie und Jacques Girardin aus Santenay und sie fuhren fort: «Les vins ont des couleurs profondes, de superbes arômes, des tannins puissants, genereux avec beaucoup de longueur et des belles acidites.» Diese Reüssite führen sie auf folgende Faktoren zurück: Ein eher trockener Winter mit ein paar Kälteperioden noch im Dezember 2001 von bis zu minus 10°C, was den Rebschädlingen gar nicht behagt und ihren Bestand dezimiert. Dann ein Frühjahr quasi ohne Niederschläge, wegen einsetzender Kälte eine eher ungenügende Befruchtung (die Natur beschränkte den Ertrag von sich aus), ein kühler Sommer (förderte die Aromaintensität) und schliesslich im September der willkommene Nordwind und die sonnigen Tage mit angenehmer Wärme und viel Licht. Zucker- und Säuregehalt waren sowohl beim weissen Chardonnay als auch beim Pinot Noir zur Lesezeit optimal. Die Weissweine sind intensiv und kraftvoll, mit einem grossen Aromenreichtum und einer charakteristischen mineralischen Note. Bei den Rotweinen dominieren die Düfte von schwarzen und roten Beeren, passende Tannine und Ausgewogenheit. Am grössten ist die Reüssite in den nördlicheren Regionen Chablis und in der Côte d'Or. Dort reifen die Trauben etwas später als weiter südlich, und sie konnten voll vom goldenen Herbst profitieren. Es gibt Stimmen, die den 2002er bereits mit dem klassischen 1990er und dem herausragenden 1999er vergleichen.
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Frankreichs Süden
In der Schwierigkeit zeigt sich der Meister. Das Bild in den Regionen Rhonetal, Provence und Languedoc-Roussillon ist sehr heterogen. Die sintflutartigen Regenfälle und Überschwemmungen haben einigen Rebbergen arg zugesetzt, und es gilt quasi jeden einzelnen Produzenten und jede einzelne Lage gesondert zu betrachten. In den nördlichen Côtes du Rhône (Côte-Rôtie, Hermitagc, Cornas) war der Winter relativ mild, und die Arbeit des Rebschnitts wurde weder durch Kälte noch durch Nässe erschwert. Abgesehen von einem eher kühlen April verlief bis im Juli alles nach Mass, und die Rebe entwickelte sich normal. Die sommerliche Feuchtigkeit und Wärme setzten der Syrah zu. Da und dort bildete sich Fäulnis. Die starken Regenfälle vom 9. und 12. September verstärkten diese Tendenz und zwangen die proprietaires, die Lese früher als geplant zu beginnen und sorgfältig zu sondern. Auguste und Pierre Clape aus Cornas erwarten einen guten, rascher zugänglichen Jahrgang, der es erlauben wird, seine grossen Vorgänger (1998 bis 2001) reifen zu lassen. Die südlichen Côtes du Rhône (hinunter bis nach Châteauneuf-du-Pape und Lirac) wurden von den September-Niederschlägen noch stärker heimgesucht als der Norden. Jean Steinmaier von der Domaine Saint-Anne in Saint-Gervais erzählte uns bei einem Kurzbesuch im November, dass zwischen Ende August und Mitte September soviel Regen gefallen sei wie sonst in einem ganzen Jahr. Angesicht dieser Situation kam der Höhe der Reblagen und ihrer Ausrichtung entscheidende Bedeutung zu.
Auf unserem Rebgut Mas de Theyron in den Coteaux du Languedoc blieben wir glücklicherweise vor Schlimmerem verschont. Am Sonntag, 9. September, kam der grosse Regen von einer ungewohnten Seite, von Norden. Dieser Sintflut war die sonst weniger dem Unwetter ausgesetzte Dachseite nicht gewachsen, und bald tropfte es in der Küche von der Decke. Am Nachmittag fiel der Strom für gut drei Stunden aus. Das Ausmass des Schreckens sahen wir am nächsten Tag: Theyron und seine Rebberge waren - dank der erhöhten Lage - eine Insel! Der nahe Vidourle, Grenzfluss zwischen den Departementen Gard und Herault, hatte sein Bett verlassen und das Land zwischen Sommières und Boisseron überflutet. Sommières selbst war verwüstet. Die Wucht des Wassers hatte Häuser unterspült und einstürzen lassen, schwere Zisternen-Lastwagen wie Spielzeuge herumgeschoben, Einkaufsläden ausgeräumt, Tanksäulen weggerissen, Zimmerdecken im Innern von Gebäuden angehoben und ganze Felder und Rebberge mit Schwemmgut übersät und zerstört. Angesicht dieser Bilder, waren unsere eigenen Sorgen schnell vergessen. Die starken Regenfälle brachten das Ernteprogramm etwas durcheinander. Ursprünglich wollten wir um den 15. September herum mit der Lese anfangen. Aufgrund von ersten Fäulnisspuren bei den Cinsault beginnen wir am Donnerstag, dem 12. September. Selbstverständlich sondern wir, und nur das beste und gesunde Traubenmaterial kommt ins Gärfass. Jetzt zeigt sich die Qualität der Theyron-Böden: sie sind rasch entwässert, und die Ende August aufgrund der Trockenheit blockierte Reifeentwicklung kommt wieder in Gang.
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Christine Forner von Rioja Marqués de Cáceres erklärte uns, dass während des Rebjahres 2002 höchst ungewöhnliche Klimaverhältnisse geherrscht hätten. Der trockene Winter verhinderte die ausreichende Bildung von Wasser-Reserven in den Böden, und im Dezember gab es sehr kalte Tage mit Temperaturen von bis zu minus 15°C. Der Austrieb war unregelmässig, und Fröste am 5. und 6. April verzögerten das Wachstum. Erst zur Blütezeit kam alles ins Lot. Der Sommer war wie überall in Spanien: trocken, aber zu kühl. Die willkommenen Regenfälle von Ende August beschleunigten dann den Vegetationsprozess und das schöne Wetter ab Anfang September verschafften den Trauben einen Reife-Vorsprung von gut zwei Wochen.
Die Weine sind aromareich, intensiv und vollmundig. Das kleine Erntevolumen sorgte für eine schöne Konzentration. Aus Ribera del Duero, von der Bodegas López Cristóbal, erreichen uns ähnlich gute Nachrichten: kalter Winter, Fröste im Frühjahr, kühler Sommer und warmer Herbst. Dank kleiner Erntemenge und einer Lese vor den Regenfällen von Mitte Oktober ist die Qualität erfreulich und dürfte auf der Höhe derjenigen des 2001er sein.
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Auch die Weinregionen Italiens wurden teilweise zu Unzeiten von Regenfällen heimgesucht, die je nach Vegetations- und Reifezustand der Trauben ihren Einfluss hatten. Im Veneto waren Juni und die ersten Julitage warm und heiss. Dann folgte eine lange nasse und kühle Periode bis zur ersten Septemberwoche. Am meisten Schaden richtete jedoch ein schweres Hagelgewitter am 4. August an. Betroffen waren in erster Linie die Weingärten im Bardolino, sowie die höheren Lagen im Valpolicella-Gebiet, was die Amarone-Erzeugung beeinträchtigen wird. Auch im Piemont wurden einige Reblagen von schweren Hagelstürmen heimgesucht, vor allem in der Umgebung von Barolo, La Morra und Castiglione Falletto und – etwas weniger ausgeprägt – Serralunga d'Alba. Die Kombination von heftigen Windböen und kleinen Hagelkörnern verwüstete gewisse Lagen zu 100%. Roberto Conterno bezeichnet denn auch 2002 als «annata particolare difficile», fügt aber hinzu, dass die Rebsorten Nebbiolo und Barbera die widrigen Klimaverhältnissen gut überstanden hätten. Die Rettung brachte jedoch das schöne, warme Herbstwetter ab Mitte September, und er schliesst seinen Bericht mit dem Satz: «Il vino che andremo a produire sarà senza dobbio una grande sorpresa per tutti!»
Dieses Jahr wird man im Chianti Classico-Gebiet vermutlich grosse Qualitäts-Schwankungen antreffen. Gute Qualitäten konnten Betriebe, welche aufwendige Rebarbeit betrieben haben, einkellern. Es waren auch enorme Unterschiede zwischen den Reblagen zu verzeichnen. Spitzenlagen konnten sich behaupten, andere hatten schon Anfang bis Mitte September mit starker Fäulnis bei geringen Mostgewichten zu kämpfen und waren in der Konsequenz gezwungen, vorzeitig zu lesen.»
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Österreich: Ein Spitzenjahrgang!
Wir lassen Thomas Klingler vom Weingut Bründlmayer gleich selbst erzählen: «Gerade heute (am 7. November) ist ein perfekter Tag für die Lese am Heiligenstein oder in der Ried Lamm. Temperaturen leicht unter dem Gefrierpunkt und Sonne – Willi Bründlmayer lächelt bei der Arbeit... Das lange Warten bei Kälte und Nieseln Ende Oktober hat sich ausgezahlt, nachdem schon vorher ein Gutteil der klassischen Qualitäten wohlschmeckend und bei guter Gradation und Reife eingebracht werden konnten. Aber der Reihe nach: ein früher Austrieb und perfektes Wetter in der sommerlichen Vegetationsphase sorgten für einen Reifevorsprung der Trauben Anfang bis Mitte August, der sich dann ja recht feucht gestaltete. (...)Die meisten Lagen der Bründlmayer Weine (und vor allem jene aus ihrem Sortiment) profitieren aber von einer sehr guten Entwässerung, die Wurzeln wachsen dem Wasser in den Untergrund nach und saugen noch mehr Mineralstoffe aus dem Boden. Somit erwarten wir ein weiteres Jahr mit aussergewöhnlichen Qualitäten.»
Im Gegensatz dazu hiess es bei der Familie Kollwentz: «2002 war ein Jahr der Wetterextreme in Europa. Das Burgenland war, inmitten von Trockenheit, Hochwasser und Föhnstürmen, der Ruhepol, der stets die positive Seite gepachtet hatte.» In die Annalen des Weinguts Kollwentz wird 2002 als ein absoluter Spitzenjahrgang für Weiss, Rot und Edelsüss eingehen.»
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Schweiz: Vorsichtig optimistisch
Je nach Region fallen die Ernteberichte unterschiedlich aus. Recht positiv in der Bündner Herrschaft, wo Bernhard Wyler vom Weingut Schloss Salenegg in Mayenfeld den hochwillkommenen Föhn - den «Traubenkocher» - als Retter in der Not erwähnt, der sich ab dem 21. Oktober auswirkte. Gelesen hat er am 29. Oktober, bei schönstem Wetter, und die Trauben hatten den sehr guten Oechslewert von 99°. Und auch Silvia Bargähr von Peter Wegelins Scadenagut in Malans lobt die sortenreinen Fruchtaromen und den ausgewogenen Gerbstoffgehalt im 2002er. Weil seine Jahrgangskommentare immer so treffend formuliert sind, lassen wir Waldemar Zahner aus Truttikon/ZH zu Wort kommen: «..Die Ernte der frühen Sorten begann Ende September und ergab gesunde Trauben mit guten Zuckergehalten. Dann jedoch brach eine nur von wenigen trockenen Tagen unterbrochene Schlechtwetter-Periode an, die die Nerven und das Organisationstalent der Weinbauern auf eine harte Probe stellten. Die Oechsle-Grade waren zwar dank der hohen Sommertemperaturen recht gut, aber keineswegs berauschend, wie man lange gehofft hatte. Die wenigen Ausnahmetage, an denen geerntet werden konnte, verzögerten die Ernte stark. Am 24. Oktober hingen vor allem in den grösseren Betrieben noch grosse Teile der Rebberge voller Trauben. Das war ein Glück. Denn vom 25. bis 30. Oktober bescherte der Himmel den langsam verzweifelnden Weinbauern das Geschenk einer seltenen Wetterlage: Aus Süden wehte ein trockener Wind, der manchmal fast zu Orkan-Stärke anschwoll, und trocknete soviel Wasser aus den längst reifen, aber aufgequollenen Beeren weg, dass die Oechsle-Grade in nur 4 Tagen an vielen Orten von unter 80 auf kräftig über 90 stiegen. - Man kann in der Tat von seinem sehr unterschiedlichen Jahrgang sprechen. Was m den letzten Oktobertagen in die Keller kam, gibt zu hohen Erwartungen Anlass.» In der Westschweiz hat eine freiwillige Ertragsbeschränkung und Selektion zu einem guten Resultat sowohl bei den Weiss- als auch bei den Rotweinen geführt, wobei die Seeregionen des Waadtlandes vom ausgeglicheneren Klima und von der trockenen Bise besonders profitierten. Auch hier wird die entscheidende Bedeutung der Ertragsreduktion immer wieder vermerkt. Im Tessin spricht man ebenfalls von einem «Jahr des Winzers», das heisst, dass es vor allem auf seine Kompetenz bei den Rebarbeiten und auf sein Qualitätsbewusstsein ankam. Das Bild ist entsprechend uneinheitlich und man darf vermutlich keinen Spitzenjahrgang erwarten. Bei entsprechendem Können wurden aber, trotz zeitweise schwieriger Bedingungen, vielversprechende Qualitäten erzeugt.
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